Jan Dismas Zelenka, Kritiken
Es gibt kein Bild von Zelenka - wohl aber viele Beurteilungen, Wertungen, fast
möchte ich sagen, Verurteilungen.
Zelenka erhielt nicht den ersehnten Titel des Hofkapellmeisters, sondern er kam
über die Ernennung zum Vizekapellmeister nicht hinaus. Ein Versager?
Zelenka, der Zurückgesetzte, weil ewiger (schlechtbezahlter) Vertreter;
Zelenka - der Verkannte, zum weltscheuen Gelehrten und melancholischen Grübler
geworden;
Zelenka - der Vergessene; die Wiederentdeckung seiner Werke beginnt 100 Jahre
nach der Bach-Renaissance.
Diese Passus finden sich in etlichen CD-Booklets.
Daß man auch anders akzentuieren kann, beweisen die Beiträge tschechischer
Ausgaben: als der bedeutendste Vertreter des böhmischen Hochbarock, gar als
der "tschechische J.S.Bach" wird Zelenka hier gerühmt.
Betrachtet man den Lebensweg von Jan Dismas Zelenka nur oberflächlich, wird ein
kometenartiger Aufstieg deutlich: bereits als 31-Jähriger ist er Musiker
(zunächst Kontrabassist) an einem der berühmtesten Höfe Europas, einem
Tätigkeitsfeld, von dem viele seiner Zeitgenossen nur träumen können.
Reisestipendium und später Gehaltserhöhung stellen die Wertschätzung von Seiten
seines Dienstherren August dem Starken dar.
(Zur gleichen Zeit etwa mußte der "Bückeburger Bach" seinen Fürsten schriftlich
darum ersuchen, daß für das Musizieren einige Kerzen mehr angezündet werden
sollen, damit man die Noten besser erkenne.)
Zelenka konnte reisen, und er hat sich gründlich umgetan: so war er einige
Jahre in Wien, wo er Kompositionsunterricht nahm; an diese Aufenthalte
schlossen sich Reisen nach Italien an.
Zelenka wird von seinem großen Zeitgenossen J.S.Bach sehr geschätzt; der erste
Bachbiograph Johann Nikolaus Forkel stellt Zelenka in eine Reihe mit Händel und
Telemann, "was damahls...am vorzüglichsten war."
Vielfach wird als Höhepunkt in der Karriere von Zelenka die Kaiserkrönung Karls
VI. im Jahre 1723 geschildert: Zelenka wird zu diesem Fest nach Prag gesandt.
In Gegenwart des Kaiserpaares wird seine Oper "Sub olea pacis" aufgeführt.
(Neben seiner Tätigkeit als Kontrabassist komponiert Zelenka in dieser Zeit
nahezu alle instrumentale Musik, die wir von ihm kennen.)
Zelenka steht auf der Höhe seines Ruhmes.
Gewiß, der ersehnte Titel des Hofkapellmeisters blieb ihm versagt, trotz eines
schriftlichen Gesuches an seinen Brotherrn.
Auf die Qualität seiner Arbeit, seiner Kompositionen hatte das jedoch keinen
Einfluß: Zelenka beherrscht alle Kompositionsstile seiner Zeit in überragender
Weise, und er verlangt von seinen Interpreten hohe Virtuosität und
größtmöglichen physischen Einsatz.
Zelenka war Elite und er schuf Elite.
Machen wir uns ein besseres Bild von Zelenka!